1962
“ Es gibt eine Zukunft, und ich kann's
gar nicht erwarten, an die Arbeit zu gehen. ” Marilyn Monroe
Dies ist keine detaillierte Auflistung des Jahres 1962, sondern nur ein Auszug oder Revue
passieren lassen...
Januar. Am 20. macht Arnold Newman Aufnahmen von Marilyn mit Freunden im Haus von
Henry Weinstein. Marilyn, nach der Entfernung ihrer Gallenblase gertenschlank,
feiert und tanzt ausgelassen mit nicht gemachten Haaren - lacht aber viel. Da sie
immer eine sehr feminine Figur hatte, war es in der Tat ungewöhnlich, sie so zart und
zerbrechlich zu sehen. Wenn jemand -aus welchen Gründen auch immer- viel an Gewicht
verliert, verbinden die meisten damit auch immer Krankheit, Kummer etc. Bei ihr mag
von allem ein bißchen was eine Rolle gespielt haben. Fehlgeburten, Scheidung, erstmal
keinen festen Boden unter den Füßen, Krankenhausaufenthalte, Schlaflosigkeit, Tabletten
etc. - das muss man erstmal alles wegstecken und verarbeiten. Sie war eine sehr
empfindsame und emotionale Frau, und in Briefen ist zu erkennen, dass sie sich für das Scheitern ihrer
Ehe mit Miller die Schuld gab, weil sie glaubte, es lag u.a. daran, dass sie Miller
keine Kinder schenken konnte und es schwer für sie war, mitzuerleben, dass Miller mit
seiner neuen Frau relativ schnell Nachwuchs hatte. Aber sie fing sich; wenngleich auch
später, als Miller.
Es gibt eine Aufnahme von Newman, die zeigt sie nachdenklich und vielleicht auch nicht
besonders gut getroffen. Aber hatte sie nicht auch das Recht auf Privatleben; auf nicht
fotogene Momente? Sie hat uns soviele wunderschöne Aufnahmen geschenkt, da wird man ihr
doch wohl ein paar nicht so gut gelungene verzeihen können? Aber nein, da stürzt man sich
dann wieder drauf und sagt, Marilyn sieht kaputt aus, fertig oder was weiß ich. Die Bilder,
auf denen sie tanzt, lacht und ausgelassen scheint, die zählen einfach nicht. Sie bringt es
fertig, dass Carl Sandburg mit ihr tanzt... der Mann (Dichter, Historiker, Journalist
und Pulitzer-Preisträger) ist zu diesem Zeitpunkt an die 80 Jahre alt! Die beiden verstehen
sich, unterhalten sich angeregt. Sie dürfte sich sehr für seine Biografie über Abraham
Lincoln interessiert haben, weil Lincoln eine Art von Idol für sie war.
Februar. Marilyn trifft sich u.a. mit Joe DiMaggio, fliegt am 21. von Florida aus mit
Pat Newcomb, Eunice Murray etc. nach Mexico. Diesmal dürfte der Anlass schöner
gewesen sein, als der letzte Mexico-Besuch, wo sie sich ja von Miller hatte scheiden
lassen. Mexico war aber auch der Geburtsort ihrer Mutter. Und sie flog diesmal hin,
um Möbel für ihr neues Haus zu kaufen. Sie besuchte Freunde und machte Abstecher nach
Acapulco, Taxco und Toluca. Erst Anfang März flog sie wieder zurück.
März. Golden Globe-Verleihung am 05. In Begleitung von José Boleanos, den sie soweit
ich weiß in Mexico kennengelernt hat, nimmt sie den Globe als " Beliebteste
Filmschauspielerin der Welt 1961 " entgegen. Aufnahmen von ihr zusammen mit
Rock Hudson und Charlton Heston werden gemacht und gehen um die Welt.
April. Something's Got to Give - Drehbeginn sollte der 23. sein. Weder Marilyn noch
Dean Martin erscheinen. Marilyn war krank und wollte ihre Nebenhöhlenentzündung auskurieren
und Martin war noch mit dem Drehen eines anderen Filmes beschäftigt. Und obwohl sie krank
war, arbeitete sie von zuhause aus an den täglichen Änderungen des Skriptes, was sie zur
Weißglut getrieben haben dürfte. Denn Änderungen kamen praktisch stündlich - und all das,
was man gelernt hatte, war wieder umsonst. Kann man ihr das verübeln, dass ihr irgendwann
die Lust vergangen sein mag...
Mai. Something's Got to Give schleppt sich so dahin... spektakulär ist da die Einladung
John F. Kennedys, anläßlich seines Geburtstages im New Yorker Madison Square Garden.
Marilyn folgt der Einladung, ob nun mit Erlaubnis des Studios oder nicht. Und sie sah
atemberaubend aus. In einem Kleid von Jean Louis (das einem Kleid, das Marlene Dietrich
bei einem ihrer Auftritte trug, sehr ähnlich sah) sang sie ihre Interpretation von
" Happy Birthday " - und auch hier sollte man sich mal die Bilder vom
Publikum genauer anschauen... auch ein Blick auf JFK in der ersten Reihe lohnt sich ;-) und
man denke an seine Worte: ... ich kann mich jetzt aus der Politik zurückziehen, nun, da mir
auf so liebevolle Art und Weise Happy Birthday vorgetragen wurde... (charmant, charmant - und
niemand kann bestreiten, dass dieser Mann nicht Charme und Charisma besessen hat, auch wenn
die Reden jemand anderes für ihn geschrieben hat, ist es doch seine Art und Weise gewesen, sie
vorzutragen). Irgendwas muss da wohl in der Luft gewesen sein... denn da war ja auch noch
Robert F. Kennedy, der - ich zitiere hier die Worte des Botschafters der Vereinten
Nationen, Adlai Stevenson - "um sie herumflatterte, wie eine Motte um das Licht" ...
Ich habe keine Ahnung, wer nun was-mit-wem-tat oder nicht. Möglich ist alles...
Juni. Der 01. Marilyn hat Geburtstag und ist 36. Am Set wird nach einem Drehtag etwas gefeiert.
Sie freut sich über Torte, Kerzen, Champagner. Ich glaube, das Einzige, was sie diesen Film drehen
lassen hat, ist die Tatsache, dass Dean Martin an ihrer Seite war - und zwar voll und ganz; auch,
als das Studio Marilyn mit Klagen drohte. Irgendwie schien bei diesem Film alles aus den Fugen
geraten zu sein. Das Studio war 1962 kurz vor dem Aus und hatte nur noch zwei Produktionen
am Set und drohte dann auch Martin mit Schadensersatzklagen.
Juli. Marilyn sucht Engelberg und Greenson fast täglich auf; insbesondere Greenson. Ich habe
keine Ahnung, warum. Irgendwas muss sie wahnsinnig beschäftigt haben. Im Juli dann auch
weitere Treffen mit den Kennedys - Robert Kennedy lädt ein - sie ist dabei. Und auch hier
habe ich keine Ahnung, ob da mehr war. Robert Kennedy hatte zu diesem Zeitpunkt glaube ich
10 Kinder mit Ethel. In einigen Büchern ist die Rede davon, dass Robert Kennedy Marilyn
versprochen haben soll, sich scheiden zu lassen. Und auch von einer kleinen Notiz war die
Rede, die man nach ihrem Tod gefunden haben soll, die angeblich von einer Schwester der
Kennedys geschrieben worden sein sollte, auf der in etwa gestanden haben soll "Du weisst,
dass Du und Robert Gesprächsthema Nr. 1 seit..." Das Einzige, was ich als (wenn man es
Beweis nennen will) anerkennen könnte, ist DiMaggios Verhalten einige Jahre nach ihrem
Tod... als er sich bei einem Baseballspiel vor tausenden von Zuschauern weigerte, Robert
Kennedy die Hand zu geben. Aber auch hier alles nur Spekulation... ich weiß es nicht. Fakt
ist, sie hatte Kontakt zu den höchsten Politikern des Landes und war gleichzeitig mit
Sinatra und Co. unterwegs, der in Lake Tahoe ein Casino bzw. Hotel unterhielt und dessen
Partner wiederum ein ranghoher Mafia-Boss war. Die CIA hatte ein Auge auf sie geworfen;
ebenso das FBI. Ein grosses Fragezeichen ist weiterhin das Lake-Tahoe-Wochenende. Es
existieren Bilder, auf denen sie mit Sinatra oder Peter Lawford zu sehen ist. Um dieses
Wochenende kusieren die absurdesten Geschichten. Von Abtreibung, Selbstmord, Sexorgien etc.
und einem Besuch DiMaggios (außerhalb des Hotels) war/ist die Rede. DiMaggio war nicht
mehr mit Sinatra befreundet und betrat das Hotel nicht. Auf den Bildern, die es gibt, ist sie
einfach Privatperson. Und das ist wieder der Punkt. Weil alle Welt nur die gestylte Marilyn
kennt und liebt, lassen ungestylte Aufnahmen alle Welt von tiefer Krise und Absturz reden.
Das sie echte Probleme hatte, lässt sich nicht leugnen - bei den ganzen Besuchen von Ärzten
und Psychologen; schlimm daran ist nur die Tatsache, dass die ihr anscheinend nicht helfen
konnten. Heute haben es Stars mit Drogen/Problemen wesentlich einfacher; die gehen in die
Betty-Ford-Klinik; die gab es aber leider damals noch nicht. Marilyn wurde zwischenzeitlich
vom Studio suspendiert; ein würdiger Ersatz für ihren Part wurde nicht wirklich gefunden.
Später dann Wechsel in der Chefetage bei der Fox. Marilyn soll wieder engagiert werden -
das Studio brauchte sie... zu weitaus besseren Konditionen natürlich.
Alles wieder gut - nein, nicht wirklich.
August. Fragen über Fragen... am 03. erscheint das letzte Interview, das sie Richard Meryman
für das LIFE-Magazine gegeben hat. Meryman sagte im Nachhinein, er habe während des Interviews
nichts bemerkt, was auf einen möglichen Selbstmord hätte hinweisen können; sie sei weder
depressiv noch am Boden zerstört gewesen. Die Bilder für dieses Interview hatte Allan Grant
gemacht. Auf diesen Bildern sieht sie auch teilweise wieder sehr nachdenklich aus. Aber
man darf ja auch nicht vergessen, dass dieses Interview eine persönliche Offenbarung war (ich
will es mal so nennen). Sie sprach über Vergangenes und die Zukunft. Die Vergangenheit war
eben nicht immer besonders rosig für sie gewesen; kein Grund für glückliche Bilder. Was die
Zukunft betraf... sie hatte ja noch soviel vor sich (was sie selber sagte). Und da waren sie
wieder... glückliche Bilder, auf denen sie lachte.
Nacht vom 04. auf den 05. Marilyn stirbt einen langen Tod. Todesursache:
Eine fatale Dosis aus verschiedenen Medikamenten, die ausgereicht hätte, um gleich mehrere
Menschen in den Tod zu reißen. Und das Chaos nimmt seinen Lauf... von A wie Autopsie
bis Z wie Zeugenaussagen; und das macht/e es so schwierig und heute -fast unmöglich- wirklich
zu klären, was da in dieser Nacht tatsächlich passiert sein könnte. Wie ist es möglich, dass
Proben aus dem Labor voreilig vernichtet werden, ihre Telefonrechnung verschwindet, sie in das
falsche Leichenschauhaus gebracht wird; ihre sterblichen Überreste kurzfristig in der Abstellkammer
waren (es gibt tatsächlich auch hiervon noch ein Foto!), Zeugen nicht befragt oder einfach
untertauchen und für Monate ins Ausland fahren, um Urlaub zu machen, Tabletten im
Labor die Farbe wechseln können... (das ist nur ein ganz, ganz kleiner Auszug aus der Liste
von Fragen, die sich sogar einem Laien wie mir stellen) - aber das Unmögliche soll ihr
erstmal einer nachmachen; sie konnte diese Menge gar nicht genommen haben, weil sie vorher
schon lange tot gewesen wäre!
Man kann unmöglich weitere Pillen schlucken, nachdem man bereits
eine tödliche Dosis eingenommen hat. Und genau das, so behaupten die Ärzte,
soll Marilyn getan haben...
Wie soll sowas möglich sein? Keine Ahnung...
Es kann ja gut möglich sein, dass sie sich vielleicht wirklich das Leben genommen hat; niemand
kann in die Seele eines Menschen schauen und vielleicht hätte sie -persönlich- auch
genügend Gründe gehabt, aber sie (und jeder andere Mensch) hätte es doch
verdient, das die Umstände ordentlich aufgeklärt werden. Die vielen Gerüchte, die heute noch zu ihrem Tod im
Umlauf sind, lassen nur deshalb Raum für die absurdesten Stories, Theorien und Motive,
weil es damals einfach versäumt worden ist, ihren Tod ordentlich zu untersuchen und
aufzuklären. Entweder, die Lösung ist so einfach, das man sie nicht erkennt oder so
unvorstellbar, das man sie gar nicht glauben könnte. Und solange viele Fragen unbeantwortet
bleiben, gibt es keinen Abschluss. Und solange das der Fall ist, bleibt dieser Fall ungelöst...
Aber: Der Mensch und die heutige Forensik sind auf einem ganz anderen Stand, als 1962.
Es kann mir niemand sagen, dass es nicht möglich sein soll, einen Fall zu klären,
der "gerade mal" 40 Jahre zurückliegt, wenn man die Todesumstände von Menschen
feststellen kann, die vor mehr als 2000 Jahren gestorben sind...
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