Die Zeit, die Marilyn in New York verbracht hat
(sie ließ Hollywood gegen Ende 1954 hinter sich, um vorerst fest,
d.h. bis etwa 1960 in NY zu bleiben) ist ein Lebensabschnitt von ihr,
mit dem ich mich am meisten beschäftige und auch am interessantesten finde.
Ich glaube, 1955 war ein sehr einschneidendes und auf persönlicher Ebene ein
sehr erfolgreiches Jahr für sie. Sie wirkte wesentlich natürlicher auf den
Bildern, viele Aufnahmen zeigen sie ungeschminkt, fröhlich und ausgeglichener.
Da komme ich nochmal auf die Bilder von Ed Feingersh zurück (siehe links) -
über den Dächern von New York - aber lange noch nicht da ankommen, wo sie sein wollte.
Und obwohl New York eine absolut gigantische Weltstadt ist, genoss sie dort
sehr viel Anonymität und konnte oftmals unerkannt durch die Straßen ziehen.
Man muss sich mal vorstellen, dass die Fox von all diesen Plänen, die ihr damals größter Star mit New York im Kopf hatte, nichts mitbekam. Mehr noch - Marilyn Monroe flog völlig ohne Wissen der Fox Ende 1954 in ihr neues Leben. Und viele ihrer Aussagen und Ansichten, die ja bereits mehr als 50 Jahre zurückliegen, sind immer noch oder mehr denn je aktuell und die Sicht ihrer Dinge ist etwas, was mir am meisten an ihr gefällt, es sagt soviel darüber aus, wer sie war und was sie fühlte.
Und New York nahm sie mit allen Herausforderungen an. Sie besuchte Ausstellungen und Premieren, lernte viele interessante Leute kennen, gründete ihre eigene Firma, ging ins Actors Studio und in die vielen Jazz-Clubs dieser Stadt. Und es war Marilyn, die sich dafür einsetzte, dass Ella Fitzgerald im "Mocambo", einem großen und bekannten Jazzclub, auftreten konnte, weil sie dem Besitzer versprach, jeden Abend bei einem Auftritt von Ella anwesend zu sein - und sie hielt ihr Wort. Vielleicht wird Marilyn auch deshalb oft bewundert oder verehrt, weil sie viele ihrer Träume tatsächlich verwirklicht hat, auch wenn die Leute bei der Fox und die Presse sie dafür oft nur belächelt haben.
Meiner Meinung nach hätte sie sich schauspielerisch gar nicht so entwickelt, wenn sie das Actors Studio nicht besucht und von Lee Strasberg Einzelunterricht bekommen hätte. Das sie an sich gearbeitet hatte, fand sich später in Filmen wie « Bus Stop » und « the Misfits » wieder. Besonders in letzterem hat sie sehr ausdrucksstark gespielt. Die Szene in der Wüste, wo sie schreit lässt einem schon ein wenig die Haare zu berge stehen.
Und Marilyn war nicht an den Anfängen ihrer Karriere, als sie zum Actors Studio kam. Sie war weltbekannt und ihr standen in der Filmbranche alle Türen offen. Theoretisch hätte sie sich ausruhen und den Ruhm geniessen können. Wenn man oben ist, geht es irgendwann nicht höher - aber irgendwie hat kein Star so wirklich Einfluß darauf, wie lange man oben ist und wann es vielleicht vorbei ist und die Menschen sich nicht mehr für einen interessieren. Ihr war das egal. Sie selber wollte mehr leisten und sich verbessern, obwohl ihr Umfeld keinen Raum oder Anlass für Veränderungen sah. Und dann ging sie... und zwar an den einzig richtigen Ort in dieser großen Stadt, wo sie sich sicher war, etwas lernen zu können - das Actors Studio.
Für sie war es eine Ehre, dort überhaupt teilnehmen zu können. Soweit ich weiß, wurde man sowieso nie offiziell aufgenommen - niemand. Entweder, sie ließen einen teilnehmen oder nicht. Das Actors Studio lehrte nach der « Methode » (Methode = eine von Konstantin Stanislawski entwickelte Technik, die lehrt, Emotionen freizusetzen bzw. die Befreiung der Schauspieler durch Psychoanalyse) und sie wurde auch von vielen nicht akzeptiert. Ich glaube, das war auch ein Ort, der einen oft an die Grenzen seines inneren Ich's brachte. Wo man tief in sich hineinschaute, um etwas nicht reales oder noch nie erlebtes mit einer Überzeugung zu spielen (lernte), als hätte man alles tatsächlich erlebt.
Und das ist auch der Grund, warum sie mit der Psychoanalyse began, obwohl ich selber der Überzeugung bin, dass es für Marilyn der Anfang vom Ende war. Denn der Fokus dieser Psychoanalyse wurde von Beginn an immer auf ihre Kindheit gelegt und sie erlebte all das, was schon lange hinter ihr lag, immer und immer wieder... Die Psychoanalyse ist ein heikles und unendliches Thema. Ich habe beide Bücher von Ralph Greenson (ihrem letzten Analytiker) und ich habe mich viel mit dem Thema Psychoanalyse, Freud etc., beschäftigt. Greenson war fachlich hoch anerkannt - sozusagen die Nr. 1 auf seinem Gebiet.
Für Marilyn war es der Beginn einer Reise auf der Suche nach Antworten auf Fragen, die bereits in der Vergangenheit bzw. Kindheit lagen. Wenn der Schwerpunkt der Analyse mehr auf das seinerzeit aktuelle Empfinden und Fühlen gelegt worden wäre - wer weiß... Leider kam sie damit von ihren ursprünglichen Gedanken und Ansichten ab oder stellte sie beiseite und sie suchte Greenson gerade zum Ende ihres Lebens fast täglich auf. Statt sich selber Antworten zu suchen oder zu geben, vertraute sie darauf, dass Greenson ihre Probleme lösen könnte - aber Greenson war der Auslöser ihrer Empfindungen (nicht der Verursacher ihrer Kindheitstrauma oder wie man es nennen möchte).
Und daraus ergab sich für beide eine äußerst brisante Konstellation. Viele reden da ja auch von gegenseitiger Abhängigkeit. Greenson überschritt mit seiner Nähe die Grenzen zwischen Arzt und Patientin, indem er Marilyn bei sich zuhause empfing und sie als Freundin empfing und er bei ihr zuhause ein- und ausging. Und Marilyn ließ es zu und machte den Fehler, dass Greenson teilweise befugt war, Entscheidungen im beruflichen zu treffen. Wo ist die Grenze, wenn der Arzt ein Mitspracherecht im beruflichen hat und auf der Gehaltsliste der Fox steht und er fast jeden Tag (im Juli 1962) bei ihr im Haus war?
Zurück zum Actors Studio, für das sie sich sehr engagierte und das in der damaligen Zeit keine wirklichen Einnahmequellen durch Mitgliedsbeiträge oder ähnliches hatte, und für das sie bei Benefiz-Veranstaltungen schon mal persönlich am Telefon Karten verkaufte oder Reservierungen für die Premiere von « Baby Doll », dessen Hauptrolle sie selbst leider nicht bekam, entgegennahm. Sie besuchte mit Norman Rosten eine Ausstellung von Auguste Rodin im New Yorker Metropolitan of Art Museum und sie war sehr angetan von seinen Plastiken « Die Hand Gottes » und « Pygmalion und Galathea » (ich persönlich finde ja den « Kuss » sehr beeindruckend). Im selben Jahr eröffnete sie das Abraham Lincoln Museum in Bement, Illinois und wurde von der Fotografin Eve Arnold begleitet.
Sie war bei großen Premieren wie « East of Eden » mit James Dean in der Hauptrolle als Platzanweiserin für das Actors Studio unterwegs und bei der James Dean nicht anwesend war... ich glaube, er war Marilyn, was die Ansichten bzgl. Hollywood und Schauspielerei betrifft, sehr ähnlich. Ich weiß leider nicht, ob sie sich überhaupt mal kennengelernt haben. Wenn, dann wohl nur im Actors Studio. Sie lernte durch Sam Shaw Norman Rosten und seine Frau Hedda kennen und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, die bis Ende 1962 bestand hatte. Sie tauchte ein in die Szene Brooklyns, und umgab sich mit Menschen, die sie faszinierten und sie versuchte sich manchmal ein wenig in der Poesie. Sie und Norman Rosten haben sich ab 1955 einige Briefe und Gedichte geschrieben. Ich kann nur jedem, der mal ein gutes Buch über sie lesen möchte, « Marilyn: An untold Story » von Norman Rosten ans Herz legen. Ich habe mal einen kleinen Auszug rausgesucht:
« The doorbell rings. Marilyn enters from shopping, Actors Studio, psychiatrist, either one or all three. Her entrance is always a rush of wind, a flurry of hair. Smiling and mercurial, she greets her visitor (me) with a musical kind of speech. " I look terrible, " she says. (Actually she looks devastating.) " Don't look at me. Turn around. I'm a mess. " (It is difficult not to look at her when she enters a room.) " I'm late. Forgive me, " she continues. "Give me a minute to wash my face and get into something light. " (If she got into anything lighter, she'd blow away.) I haven't said a word, and now I speak. " You look fine except your eyes are bloodshot, especially the glass one on the right. " She giggles. " My eyes are terrible, I know. I'll have to do something about my eyes. " She looks around the room. " Where's Arturo? " Asleep, I guess. " The poor man. He's resting. He works too hard. How about you - can I fix you a drink? Or some milk? There's cake in the kitchen and ice cream. I blink my eyes and she's gone. »